Die Metro

Wer in Paris ohne Umschweife von A nach B kommen will, nimmt die „Métropolitaine“. Das U-Bahn-Netz, bestehend aus 14 Linien, erschliesst ganz Paris auf einer Strecke so weit wie von Sissach nach Bellinzona. Linie 1 wurde anlässlich der Weltausstellung von 1900 erbaut, Linie 14 Ende des letzten Jahrhunderts – sie fährt heute vollautomatisch, ohne Fahrer und mit der welthöchsten Frequenz.

Ich selbst steige jeden Tag im Süden in den Untergrund, um 30 Minuten später im historischen Zentrum von Paris mit all seinen teuren Boutiquen und meiner Hochschule wieder ausgespuckt zu werden. Dort wünscht mir immer derselbe Obdachlose einen Guten Morgen, zu seinen Füssen eine Schäferhündin und ein offener Geigenkasten, in seinen Händen einen dampfenden Becher Kaffee. Ich krame mein Münz hervor und frage mich, ob ich mit ihm ein Gespräch beginnen soll.

Die Pariser Metro ist in die Jahre gekommen. Ihre Lifte und Rolltreppen regelmässig ausser Betrieb. Im Untergrund herrscht meist rauer Durchzug; es riecht nach Vergangenheit, und ein bisschen nach Urin. Wenn es in Strömen regnet, schliesst die Metro ihre Türen, man sieht sich gezwungen, aufs komplizierte Busnetz umsteigen.

Das Metro-fahren funktioniert folgendermassen: Billet herauskramen, Schranke mit dem Billet füttern, Billet wieder herausziehen, gottseidank, die Schranke öffnet sich und gewährt Eintritt. Dann alles dem Menschenstrom und Schildern nach. Ein Inder bietet lautstark seine Früchte feil, ein Araber grillt Mais über einem Einkaufswagen. Ich gehe runter an den Bahnsteig. Dort erwarten die Pendler zehn auf zehn Meter grosse, golden umrahmte Plakatwände. Sie werben für Partnervermittlungsunternehmen im Internet („Adoptiere einen Typen“) oder für oder für Billigbusreisen („5 Euro, um deine schmutzige Wäsche von Mama waschen zu lassen“). Dann fährt die Metro ein, stoppt kurz, und nimmt mich mit. Im Wagen sind tausend unterschiedliche Gesichter, und die tausend Geschichten dahinter, die ich mir ausgemalt hatte. Es folgen tausend Haltestellen. Und dann raus, durch eine weitere fiese Schranke, die vor meinem direkt vor meinem Gesicht wieder zuknallt. Bis ich wieder ins Tageslicht blinzle und das Ökosystem im Untergrund dankend hinter mir lasse.

„Das Metro-fahren ermüdet mich!“, beklagte ich mich bei einer Freundin. „Du lässt zu viel an dich ran“, sagte sie mir. Beim Rückweg habe ich mir abgeguckt, wie Pariserinnen und Pariser die Metro benutzen. Sie lesen Romane, spielen CandyCrush auf dem Smartphone. Sie stehen von ihren Sitzen auf um mehr Stehplätze zu schaffen, wenn es eng wird. Sie meiden Augenkontakt und können die Balance halten, ohne sich an der Stange festzuhalten. Sie sprechen nicht, sie essen nicht, sie küssen sich nicht. Sie sind Meister darin, ihre Umgebung zu ignorieren und sind trotzdem aufmerksam: Eine Taschendiebin, in flagranti ertappt, wird angeprangert. Der ganze Wagen brüllt wütend. Die Frau schrumpft um einige Zentimeter durch die öffentliche Blamage und macht sich aus dem Staub. Als nächstes steigt ein junger Mann ein, er trägt ein Käppi, Jogginghosen und einen zu grossen Pullover mit der Aufschrift „COKE BOYS“. Er hat einen Verstärker dabei. Nun stellt er einen allseits bekannten Beat ein und beginnt zu rappen: „Niggas in Paris“ von Kanye West. Wie passend, denke ich. Danach sammelt er mit seinem Käppi Centstücke ein. Ein echter Rapper? Auch Edith Piaf hatte ihre Chansons schliesslich zuerst in der Pariser Metro getestet, bevor auf der ganzen Welt auftrat. Es bleibt keine Zeit, darüber nachzudenken, denn ich muss aussteigen. „Bonjour Monsieur M’dame, vous avez une p’tite pièce?“, sagt der Obdachlose. Ich nehme ihn dieses mal nur mit halbem Ohr wahr, er gehört halt irgendwie hierher, so wie die Metro zum Alltag der Menschen von Paris gehört. Sie ist das pulsierende Herz dieser Hauptstadt.

Bild: Fabian Seiler