Paris auf Chinesisch

Das 13. Arrondissement von Paris ist ein wundersamer Ort. Hier hatte ich unabsichtlich einen Obdachlosen beherbergt, der mir erst auffiel, als es im Treppenhaus immer stärker nach altem Käse stank; wurde von der Polizei ausgelacht, als ich wegen einer läppischen Bandenschlägerei angerufen hatte; und platzte mitten in eine traditionelle arrangierte Heirat – in meinem eigenen Wohnzimmer.

Das ging so: Jeden Sommer lädt der Onkel meines Freunds seine Eltern aus China ein. Yeye und Nainai, wie Opa und Oma auf Chinesisch heissen, wohnen dann mit meinem Freund und mir in unserer Zweizimmerwohnung. WG sozusagen. Als Zeitvertreib übernimmt Nainai gerne die Rolle der Quartierkupplerin. Sie ist Expertin auf ihrem Gebiet: über 25 Heiraten hat sie in ihrem Leben erfolgreich vermittelt. So kam es, dass eines Abends, als ich von der Uni nach Hause kam, auf eine förmlich wirkende Veranstaltung in meiner guten Stube traf.

Auf dem Sofa erkannte ich unsere Nachbarin, die ihr lichtes Haar duftig hochfrisiert hatte, und ihr zu klein gewachsener Ehemann. Auf dem Holzstuhl gegenüber sass der Onkel auf einem Stuhl, die Hände geschäftig gestikulierend. Nainai und Yeye hatten am Esstisch Platz genommen, neben einer verlegen wirkenden junge Frau mit Bubikopf. Sie trug eine schwarze Weste über einer weissen Bluse. Ihr biederer Faltenjupe, der ihr im Sitzen bis zu den Knie reichte, steckte in weissen, blickdichten Strümpfen. Rasch begriff ich: Es ging darum, dieses Geschöpf unter die Haube zu bringen. Das nachbarliche Ehepaar war hier, um zu prüfen, ob sie gut genug sei für deren Sohnemann. „Was arbeitet sie?“ Fragte die Föhnfrisur. Der Onkel antwortete: „Sie ist Projektleiterin.“ „Und wie viel verdient sie pro Monat?“ Lange wurde also nicht um den heissen Brei herumgeredet. Herkunft, Familienstatus, Aufenthaltsdauer in Frankreich, und schliesslich die alles entscheidende Frage nach dem Alter. Danach brachen die Gäste ziemlich zügig wieder auf. Aufgebracht diskutierte ich danach mit dem Onkel. Dies sei doch respektlos gewesen gegenüber der junge Frau, derartig über ihre Eigenschaften zu sprechen, während sie selbst anwesend war. Und überhaupt, wieso habe man sie nicht direkt mit dem Sohn der Nachbarn bekannt gemacht? „Das hätte keinen Sinn. Er würde nie eine Heirat eingehen ohne das Fürwort seiner Eltern.“

Am nächsten Abend klingelte die Föhnfrisur an der Tür. Sie habe nicht lange Zeit. Leider käme die Dame nicht in Frage. „Tut mir Leid. Aber sie ist einfach zu alt. Das verstehen Sie sicher.“ Nainai seufzte theatralisch. „Ach, so ein nettes Mädel. Aber mit 35 nützt alles nichts.“ Yeye gluckste verschmitzt, während er sich einen Apfel schälte. „Ist wahrscheinlich besser für sie, dass es nicht geklappt hat.“

Das 13. Arrondissement von Paris ist tatsächlich ein wundersamer Ort. Doch kein Quartier dieser Stadt hätte mich besser auf meine neue Heimat vorbereiten können: Shanghai.

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