Tour de France: zweiter Teil

Ich bin drinnen. Der Verrückte draussen. Die Türen des Tankstellenladens fest verschlossen. Wie zum Henker bin ich eigentlich in diese Situation geraten?

Ich war per Autostopp in nur zwei Etappen von La Rochelle bis Bordeaux gekommen, bis mich ein Verrückter überreden wollte, in sein Auto zu steigen. Nach meiner Absage ist er dann ziemlich ausgetickt. Am Abend wollte ich eigentlich in Biarritz sein. Sollte ich das Vorhaben nun unterbrechen?

Nein. Ich habe die Situation früh genug registriert und dann richtig gehandelt. Das Wichtigste: ich war in Sicherheit. Der Typ fährt schliesslich weg, die Tankstellenfrau entriegelt die Türen, ich bin wieder frei und unterwegs. Jérémie sprach ich bereits in der Tankstelle an, als er sich ein Päckchen Lucky Strike holte. Mit seiner Sonnenbrille, der gebräunten Haut und den weiten Hosen mit den vielen Taschen sah er irgendwie nach Abenteuer und Süden aus. Dahin wollte ich. Jérémies Auto ist voller Werkzeuge, Seile und leere Chipspackungen. Auf dem Rücksitz schläft Marilou, seine vier Monate alte Schäferhündin. Sie blinzelt nur kurz zur Begrüssung. Ihr Herrchen hatte zwei Krebserkrankungen überlebt, bevor ihn seine Freundin nach 11 Jahren Beziehung verliess. “Eine wunderschöne, intelligente und unabhängige Französischlehrerin. Sie betrog mich viele Male.” Jérémie schloss daraus, dass Monogamie unmöglich sei, und änderte sein Leben. Drei Monate arbeitet er wie ein Tier auf der Baustelle, um sich danach Zeit zu nehmen für seine Leidenschaften: die Natur, das Klettern und BMX-Fahren, Surfen und Snowboarden, Reiten und Fischen. Aufgekratzt chauffiert er mich durch die Wälder der Landen bis ins Baskenland, mit seinen Pyrenäen und dem Meer. Dass er dafür die teuerste Autobahn Frankreichs nehmen muss, ist ihm egal: 24 Euro ist der Preis für den schnellsten Weg in die Heimat!

Am Abend sehe ich mir den Sonnenuntergang über dem Atlantik an und gucke den Surfern zu, wie sie Wellen reiten und gut aussehen. Doch schon am nächsten Tag zieht es mich wieder auf die Autobahn. Erst nimmt mich ein Rugbyspieler mit, der mir seine Berühmtheit mit Pressefotos auf seinem Smartphone beweist. Dann treffe ich Akib aus Marseille, den seine algerischen Eltern unter armen Verhältnissen grossgezogen haben. Heute ist er Unternehmensberater, weil er gerne teilt, was ihm das Leben gelehrt hat. Er respektiert meine Art, zu reisen. “Du musst dich erst selbst kennen. Nur so verstehst du die anderen.”

In Toulouse warte ich fast zwei Stunden, aber dafür lerne ich Boris kennen. Er möchte auch nach Montpellier. Obwohl er soeben sein Philosophiestudium abgebrochen hat, um als Fotografiekünstler zu arbeiten, liest er im Auto Spinoza. “Der Philosoph sah im Verstand und der Erkenntnisfreude eine Möglichkeit zur menschlichen Freiheit.” Ja, frei fühle ich mich auf meiner Tour de France, bei der ich mehr über Land und Leute gelernt habe als in 1,5 Jahren Studium. Ist Autostopp gefährlich? Es ist vor allem die wohl erlebnisreichste Art, zu reisen.

Bild: Katrin

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