Tour de France: erster Teil

“Du willst… was?!” “Das kann nicht dein Ernst sein.” “Wenn du das wirklich tust, haben wir keinen ruhigen Moment mehr.”

Die Fronten waren verhärtet. Sie standen geschlossen gegen mich: meine Eltern, mein Freund und seine ganze Familie. Doch je mehr sie versuchten, mich von meinem Vorhaben abzubringen, desto überzeugter war ich davon, auf dem richtigen Weg zu sein. Es war mein Bruder Benedikt, der mich schliesslich weichkriegte. “Hör mal, Katrin, es tut mir Leid, das sagen zu müssen. Aber bitte tu’s nicht.” “Also gut”, seufzte ich.

Zwei Tage später stehe ich trotzdem mutterseelenalleine mit Rucksack, Kamera und Schiefertafel an der Autobahneinfahrt von La Rochelle, an der nordwestlichen Atlantikküste Frankreichs. Ich habe fett “BORDEAUX” auf die Tafel geschrieben. Der Startschuss für meine Tour de France per Autostopp ist gefallen! Ich will etwas erleben, bevor mein Jahr in Frankreich zu Ende geht. Der erste, der für mich anhält, ist ein Landschaftsgärtner mit Transportwagen. Christophe trägt ein Ohrring und lädt mich bereits am nächsten Kreisel wieder aus. Nächstes Mal habe ich mehr Glück. Philippe’s Ziel ist tatsächlich Bordeaux. Der Bauunternehmer einer Spielzeugladenkette hat soeben bei der Einweihung einer Filiale einen Coup gelandet, weil er sich als Darth Vador von Star Wars verkleidet hatte. Philippe’s Fluch: Elektronische Geräte in seiner Nähe geben früher oder später den Geist auf. Mit Stolz erzählt er mir, wie viele Zahlungsmaschinen, Smartphones und Computer schon dank ihm abgestürzt seien.

An einer Autobahntankstelle in der Nähe von Bordeaux setzt mich Philippe ab, nicht ohne mir noch ein paar Äpfel mit auf den Weg zu geben. Erst mal Kaffee. Ich möchte heute noch runter bis ins Baskenland. Ein junger Mann starrt mich aus seinem weissen Volvo an. Er hat etwas verrückt-verwahrlostes in den Augen. Ich mache mir in Gedanken eine Notiz, besser Abstand zu dem Typen zu halten. Am Kaffeeautomaten steht er plötzlich hinter mir, in der Hand hält er eine Büchse Cola. “Die ist für dich.” Dann fragt er, ob ich mit ihm mitfahre. Das Verrückte in seinen Augen blitzt jetzt deutlich hervor, dazu zuckt er unkontrolliert mit den Schultern. Mit einem “Nein danke” lehne ich beide Angebote bestimmt ab und setze mich schnell zu einer Angestellten an den Tisch, die gerade in Pause ist. Sie hat alles beobachtet. Mein Herz klopft ein wenig. Gottseidank geht der Verrückte nach draussen. Bei seinem Volvo angekommen, beginnt er, auf diesen einzuhämmern und wüste Beleidigungen in unsere Richtung zu auszustossen. “Ich ficke euch!”, schreit er, “Ich ficke euch alle!” Als der Typ erneut auf den Eingang zusteuert, gibt die Angestellte neben mir der Frau an der Kasse ein Zeichen. Diese verriegelt daraufhin die Türen. Ich atme auf, dann packen mich plötzlich die Zweifel. Ich habe erst einen Viertel meiner geplanten Distanz zurückgelegt, und schon wird’s brenzlig. Hatte man mich zu Recht vom Autostopp abhalten wollen? Fortsetzung folgt.

Bild: Katrin

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