Paris, ich lieb’ dich nicht

Füge zwei Buchstaben zu Paris hinzu, und du hast das „paradis“. So soll wenigstens Jules Renard gedacht haben. Eine echte Pariserin verzieht ab diesem Kitsch das Gesicht. Wer längere Zeit in der Stadt weilt, wird ihrer schnell überdrüssig. Horden von Touristen bemächtigen sich des malerischen Teils von Paris, sobald die Tage etwas länger werden. Der Rest der Stadt wird je mehr man sich der Peripherie nähert desto verwahrloster. Man wohnt ja nicht im Penthouse mit Blick auf den Eiffelturm, sondern entweder in den Sozialwohnungen des Banlieus oder in dem 18 Quadratmeter grossen, masslos überteuerten Studio mit Einfachverglasung. Mit etwas Glück kriegt man als Studentin ein Zimmer in einem Wohnheim, wo sich die Miete zwar in Grenzen hält, man sich dafür mit kopulierenden Nachbarn, Läusen und Kakerlaken herumschlagen muss. Dazu kommt die Pendelzeit zur Uni oder dem Arbeitsplatz, die sich ohne Weiteres auf eineinhalb Stunden summieren kann, denn die Regionalzüge machen regelmässig schlapp, wenn nicht gerade ein Streik des Metropersonals ansteht. Dazu kommt, das Pariser immer so masslos beschäftigt sind. Sie hetzen von Sitzung zu Veranstaltung; ein Kaffee gemütlich zu zweit? „Keine Zeit“, ist der Halbsatz, den man in Paris am meisten zu hören bekommt. Vom Umgang mit Behörden und Beamten habe ich ein kleines ABC entwickelt, um Anbrüllen oder glatter Ignoranz im Ansatz entgegenzuwirken: A) „Bonjour Madame/Monsieur“ geht jeder Unterhaltung voraus. B) Die Worte „Verzeihung“, „Bitte“ und „Danke“ sind unbegrenzt zu benutzen. C) Die Technik, das vom Beamten Gesagte Wort für Wort zu wiederholen eignet sich gut, um Verständnis zu simulieren.

Weil Pariserinnen sich also im „paradis“ mit monatelangen behördlichen Wartefristen und Alltagsgehetze herumschlagen, gehört es zum guten Ton, zu sagen „J’aime pas Paris“ und der Stadt für ein par Tage den Rücken zu kehren. Ich selber bin dieses Jahr zweimal weggefahren: in die von Parisern viel belächelte Provinz. Diese kleinen Fluchtversuche entpuppten sich jedes Mal als Wohltat für meine von der Grossstadt gegeisselten Seele. In Bordeaux schien die Sonne. Junge Frauen mit senfgelben Mänteln und Männer mit Bärten lagen auf dem spiegelglatten Boden vor dem Rathaus, oder sassen auf den hohen Treppen beim Theater und freuten sich am Leben. Wir tranken morgens gepressten Orangensaft, abends Rotwein und nahmen uns Zeit für frische Bekanntschaften. Im Quartier „St Michel“, dem kleinen Istanbul, umarmte mich aufs Mal ein wildfremder Bordelese auf dem Fahrrad, lachte über meine Verdutztheit, und fuhr weiter. Die Bretagne zeigte uns dafür die Natur – den winterlich-wilden Atlantik mit seinen Muscheln, Saint-Jacques und Langusten. Das pittoreske Pont-Aven, mit dem Bach, der sich verspielt den Weg durch Weiden und Häuslein suchte, war in echt noch schöner als Pierre Guégins Bildern.

Doch Paris hat mich rasch wieder verschluckt. Ach! Du sündhafte, fordernde, dreckige Stadt! Verfallen bin ich dir trotz allem.

Bild: Fabian Seiler

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s