Pariser Momente

Die Winterferien sind um. Ich muss gestehen, dass mir diese Tatsache ein Seufzen entlockt, denn das letzte Semester war hart gewesen: 3 Arbeiten, 6 Abschlussexamen, 9 Präsentationen, 11 Kurse, und 12 Zwischenprüfungen – insgesamt 46 Kreditpunkte – hat mir die „Sciences Po“ aufgedrängt. Die private Hochschule wird nicht umsonst als Eliteschmide Frankreichs bezeichnet. Mein Leben in Paris, das ich mir als eine Mischung aus Studentenparties, Opernbesuche und kulinarischen Höhenflügen erträumt hatte, folgte deshalb viel eher dem Motto „Métro, boulot, dodo“ – Metro, Arbeit, Schlafen. Wobei es für mehr als sechs Stunden Schlaf pro Nacht leider oft nicht gereicht hatte.

Trotzdem ist es schwierig, sich dem Charme der Hauptstadt vollständig zu entziehen. Ganz unerwartet überrascht und verführt einem Paris, entlockt einem ein Lächeln, lässt einen staunen. Wenn ich zum Beispiel durch den Park Luxembourg spaziere oder mit dem Velo der Seine entlang fahre, platze ich manchmal vor Glück beinahe, hier leben zu dürfen. Ich nenne solche Augenblicke meine „Pariser Momente.“ Meist erlebe ich sie in Begegnung mit Bewohnerinnen und Bewohnern dieser Stadt, zum Beispiel mit der quirligen Mathilda, die mitten im Seminar Bewerbungen verschickte und auf meine Frage, woher sie die Zeit für ein Praktikum hernehme neben den vielen Kursen, schulterzuckend antwortete: „In der Zeit, die ich für Serien verschwende, kann ich geradesogut arbeiten.“ Da konnte ich nur leer schlucken. Ja, die Pariserinnen – sie haben Haltung (die manche als Arroganz bezeichnen), sie haben Stil, und diese typische Nonchalance, mit der sie ihr beschäftigtes Leben meistern.

Ein weiterer „Pariser Moment“ war die Mittagspause vorgestern beim Japaner. Ein Flugsicherer aus Korsika gesellte sich spontan zu meiner Freundin und mir an den Tisch, und bereits vor der zweiten runde Sake waren wir beste Freunde. Nachmittags kamen wir deshalb zu spät ins Seminar, aber der Dozent war auch gerade erst angekommen. Lachend gab er zu, dass er gegen Ende der Woche eher Viertel nach als Punkt zwei Uhr anvisiert hatte. Die akademische Viertelstunde wird hier schnell mal zur halben, und wenn alle müde sind, macht man auch schon mal früher Schluss.

Auch der Besuch beim Vintage-Laden am Boulevard de Magenta wird jedes Mal zum „Pariser Moment.“ Der Ladenbesitzer dreht die Heizung für mich wärmer und die Oldies-Musik lauter, und das Beste, er gibt mir die Levis 501 für 10 Euro, statt für 35. Oder wenn man beim Schlendern durch die Galerie Lafayette eine kostenlose Fotoausstellung der amerikanischen Künstlerin Alex Prager entdeckt – ein „Pariser Moment.“ Und schlussendlich ist es doch wieder der Genuss: ein junger, nicht zu süsser Gewürztraminer, serviert zu Krabbenfleisch, einer Zitronenhuhn-Tajine und drei Sorten Käse, selbstgekocht von meinem französischen Kollegen. Ein Traum. Es sind solche „Pariser Momente“, die Paris lebenswert machen und von denen ich nie genug kriege, auch wenn das Semester nun wieder seinen Lauf nimmt.

Bild: Katrin

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