Paris lebt

Fluctuat nec mergitur haben die Handelsschiffer von Paris im Mittelalter über ihre Stadt gesagt. Die Seine war wohl oft über das Ufer getreten und hatte einen Teil der Stadt überflutet, doch Paris widersetzte sich dem Hochwasser stolz und lebte weiter. „Von den Wogen geschüttelt, wird es doch nicht untergehen.“ Der lateinische Sinnspruch wurde zur offiziellen Inschrift des Pariser Stadtwappens. Nach den Attentaten vom 13. November erkor die Bürgermeisterin Anne Hidalgo ihn zur trotzigen Devise für den Widerstand der Stadt gegen den Terror.

Fluctuat. Am Montag danach reihe ich mich in die endlose Warteschlange vor der Schule mit ein, um Ausweis und den Inhalt meiner Tasche kontrollieren zu lassen. „Im Angesicht der Barbarei und des Verbrechens, lasst uns den Opfern, Verletzten und ihren Angehörigen gedenken. Lasst uns aufrecht dem Hass und dem Tod entgegenstehen, damit sie nicht das letzte Wort haben“, spricht unser Rektor. Dann wird es ganz still. Die Erinnerung an Freitagnacht ist uns allen ins Gesicht geschrieben.

Nec mergitur. Plötzlich erhebt eine junge Frau ihre Stimme zur „Marseillaise“, weitere stimmen mit ein, bis im ganzen Innenhof die französische Nationalhymne erschallt.

Fluctuat. Eine Stunde später ist es eine Sirene statt ein Lied, die uns zusammen treibt. Das Gebäude wird evakuiert. Ein „verdächtiges Paket“ ist der Grund, dass 9000 Studentinnen und Studenten auf der Strasse stehen. Meine Prüfung findet dann wohl auch nicht statt. Die Stimmung ist angespannt; viele wissen nicht, ob tatsächlich Gefahr droht. Ähnliche Vorfälle geschehen in Cafés und Bars in der ganzen Stadt. Ein lautes Motorrad oder Petardenknälle reichen, um die Leute losrennen zu lassen, sich auf den Boden zu legen und Warnungen auf Twitter loszuschicken. „Im Moment lauert die grösste Gefahr in der Massenpanik“, warnt uns auch meine Professorin.

Nec mergitur. Sie sagt uns aber auch, dass wir uns nicht zu Hause einschliessen brauchen. Paris scheint sich das zu Herzen genommen zu haben. Strassen, Pärke und Plätze füllen sich mit Blumen und Kerzen, und mit immer mehr Menschen, nach dem Motto „Jetzt erst recht!“ Pariserinnen und Pariser nehmen ihren Alltag wieder auf, aber mit neuem Bewusstsein. „Es wurde mir klar, dass jeder Tag dein letzter sein könnte“, vertraut mir Sandra an, eine Mitstudentin. Sie telefoniert jetzt mehrmals wöchentlich mit ihrer Familie in den USA. Freunde und Familie seien das Wichtigste im Leben.

Fluctuat. Am Samstag beschliessen auch mein Freund und ich, seine Kollegen von der Arbeit zum Abendessen einzuladen. Doch einige äussern Bedenken wegen der Uhrzeit. Sie fühlen sich spätabends in der Metro nicht mehr so sicher, wie zuvor.

Nec mergitur. Wir beginnen den Apéro also schon um fünf. Doch wie es beim Fondue Chinoise so ist, essen wir viel und lange; und je näher der Zeiger nach Mitternacht rückt, desto wohler fühlen wir uns. Statt nach Hause, gehen unsere Freunde rasch zum Araber um die Ecke, um noch mehr Wein zu holen.

Blumen sind stärker als Pistolen. Paris lebt. Trotz allem.

Bild: Katrin

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