Kulturschock China

„Berge, Seen, blauer Himmel! Die Schweiz ist traumhaft. Warum bist du nicht dort geblieben?“, fragte mich eine chinesischen Studentin. Ich stammelte etwas von „Chinesisch lernen“ und „das Land kennenlernen“. Dabei hatte ich mir diese Frage nur wenige Tage zuvor selbst gestellt.

Ich erholte mich nämlich gerade erst von einem Zustand namens Kulturschock. Es ist ja nicht so, dass ich direkt vom 700-Seelendorf „Waislige“ in die 25 Millionenstadt Schanghai ausgewandert bin. Immerhin kannte ich das Grossstadtleben schon aus Paris. Bei meiner Ankunft wurde mir aber bewusst, dass Schanghai von der schieren Menschenmenge her noch mal ein anderes Kaliber ist. Wer buchstäblichen Körperkontakt mit der lokalen Bevölkerung wünscht, reihe sich vor dem Hongqiao U-Bahneingang in die Schlange. Kulturschock.

Die Übernachtung für die ersten Tage war zwar teuer, aber von der Lage her unschlagbar. Wenn ich nur gewusst hätte, dass die Strasse, die zum Hotel führt, eine einzige Baustelle ist! Auf einem Trampelpfad so schmal wie die Taille einer Chinesin musste ich mich mitsamt Rollkoffer gegen einen nicht enden wollenden Strom von Motorrädern durchkämpfen. Kulturschock.

Die Strassenarbeiter waren sehr zum Gunsten meiner Nachtruhe rund um die Uhr am Werk. Zum Schlafen kam ich sowieso kaum, denn die Wohnungssuche nahm mich voll und ganz in Anspruch. Vor lauter Verhandeln mit linkischen Immobilienagenten kamen auch weitere Grundbedürfnisse zu kurz. Als ich mir einmal in einer typischen Schanghaier Frühstücksbude eine Pause gönnte, steuerte ich schnurstracks aufs WC zu – es war pressant. Hinter dem ersten Türchen präsentierte sich mir ein unschönes Szenario. Die meisten Toiletten in China sind ein gekacheltes Loch im Boden. Man erledigt sein Geschäft in der Hocke und passt auf, dass keine Exkremente danebengehen (was sich nicht jeder zu Herzen nimmt). WC-Papier bitteschön selber mitbringen! Und das benutzte Papier ja nicht in die Schüssel werfen, weil die Rohre sonst verstopfen und überlaufen. Genau das war hier passiert. Hinter dem zweiten Türchen sass einer gemütlich in der Hocke und gönnte sich ein Zigarettchen. „Besetzt!“ sagte er nur. Kulturschock.

Als der Vertrag für meine Traumwohnung unter Dach und Fach war, nahm ich an der militärischen Eröffnungsparade meiner Uni teil. Studenten im zweiten Jahr absolvieren dafür ein zehntägiges Training zur Stärkung des Gemeinschaftssinns. Ein grosses, dickes Mädchen war zu fest aus der Reihe getanzt und musste deshalb zur „Strafe“ auf der Zuschauertribüne Platz nehmen. Voller Begeisterung zeigte sie mir Fotos ihrer Schweizerreise. Ich war gerade dabei, ihr gegenüber meine Flucht aus dem Paradies zu rechtfertigen, als aus den Lautsprechern die chinesische Nationalhymne erschallte. Gebannt richteten wir unseren Blick auf die exerzierenden Studenten auf dem Sportplatz und ich spürte, dass ich hier in Schanghai am richtigen Ort bin – gerade weil seine kulturellen Besonderheiten mir jeden Tag neue Rätsel aufgeben.